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Diagnostik

Biologisches Alter: was Tests messen und was nicht

Von Martin Höllinger· Stand · Lesezeit 9 Minuten

Das biologische Alter soll angeben, wie alt der Körper ist, unabhängig vom Geburtsdatum. Gemessen wird es heute meist an der DNA-Methylierung: chemischen Markierungen am Erbgut, die sich mit den Jahren in einem regelmäßigen Muster verändern. Aus einigen hundert solcher Stellen berechnen sogenannte epigenetische Uhren ein Alter. In der Forschung funktioniert das erstaunlich gut. Die Uhr GrimAge sagt in Daten von mehreren tausend Menschen Lebensdauer und Herzkrankheiten vorher.

Für den einzelnen Menschen ist das Ergebnis weniger verlässlich, als ein Zahlenwert mit Kommastelle nahelegt. Bei sechs verbreiteten Uhren wich das Ergebnis zwischen zwei Messungen derselben Probe um bis zu neun Jahre ab, allein durch technisches Rauschen. Tests für zu Hause kosten in Österreich rund 200 bis 420 Euro. Was sich aus dem Ergebnis ableiten lässt, geht über die bekannten Empfehlungen zum Lebensstil kaum hinaus.

Drei Generationen epigenetischer Uhren

An bestimmten Stellen der DNA hängen Methylgruppen, kleine chemische Markierungen, die Gene an- oder abschalten helfen. Mit dem Alter nimmt die Methylierung an manchen Stellen zu und an anderen ab. Aus diesem Muster lässt sich ein Alter berechnen.

Uhr Jahr Trainiert auf Ausgabe
Horvath 2013 Kalenderalter, 8.000 Proben aus 51 Geweben und Zelltypen Alter in Jahren, aus 353 Stellen der DNA
GrimAge 2019 Sterblichkeit, über DNA-Schätzwerte für sieben Blutproteine und die gerauchten Packungsjahre Alter in Jahren
DunedinPACE 2022 Veränderung von 19 Organwerten über 20 Jahre in einer Geburtskohorte Tempo des Alterns

Quellen: Horvath 2013, Lu et al. 2019, Belsky et al. 2022.

Der Unterschied ist grundlegend. Die erste Uhr beantwortet die Frage, wie alt jemand ist. Für die Gesundheit ist das wenig hilfreich: Eine Uhr, die das Kalenderalter perfekt trifft, sagt nichts Neues. Die zweite Generation wurde deshalb auf das trainiert, was interessiert. GrimAge sagt die Zeit bis zum Tod, bis zur koronaren Herzkrankheit und bis zu einer Krebserkrankung vorher und hängt mit Fettleber und der Zahl der Begleiterkrankungen zusammen.

Bemerkenswert ist, woraus GrimAge besteht: Ein Baustein ist ein Schätzwert für die gerauchten Zigaretten. Die Uhr erkennt am Erbgut also unter anderem, was man auch erfragen könnte.

DunedinPACE geht einen dritten Weg. Die Forscher haben bei Menschen desselben Jahrgangs über zwei Jahrzehnte an vier Zeitpunkten 19 Messwerte der Organfunktion erhoben und daraus ein persönliches Alterungstempo berechnet. Dieses Tempo haben sie dann in einen einzigen Bluttest übersetzt.

Wie genau ist ein einzelnes Ergebnis?

Hier liegt das Hauptproblem für Privatpersonen. Higgins-Chen et al., Nature Aging 2022, haben dieselben Proben mehrfach gemessen. Bei sechs bekannten Uhren wich das Ergebnis zwischen den Wiederholungen um bis zu neun Jahre ab. Ursache ist technisches Rauschen bei der Messung einzelner DNA-Stellen.

Die Autoren haben ein Rechenverfahren entwickelt, das dieses Rauschen dämpft. Damit lagen die meisten Wiederholungen innerhalb von 1,5 Jahren. Auch das ist bei einem Befund wie „drei Jahre jünger“ kein kleiner Spielraum.

Für die Praxis bedeutet das:

  • Ein einzelner Wert, der zwei oder drei Jahre vom Kalenderalter abweicht, kann Messfehler sein.
  • Ein Vergleich vorher und nachher, etwa nach einer Ernährungsumstellung, ist nur aussagekräftig, wenn der Unterschied deutlich größer ist als die Messungenauigkeit.
  • Ergebnisse verschiedener Anbieter lassen sich nicht vergleichen, weil sie verschiedene Uhren und verschiedene Probenarten verwenden.

DunedinPACE wurde von vornherein nur aus Stellen gebaut, die sich bei Wiederholung als zuverlässig erwiesen hatten.

Lässt sich das Ergebnis beeinflussen?

Zwei randomisierte Studien sind nachträglich darauf ausgewertet worden. Die erste ist CALERIE. 220 Erwachsene ohne Adipositas wurden per Los zwei Jahre lang entweder einer um 25 Prozent reduzierten Kalorienzufuhr oder normaler Kost zugeteilt; erreicht wurden im Mittel 11,9 Prozent. Waziry et al., Nature Aging 2023, haben nachträglich die Blutproben epigenetisch ausgewertet.

  • DunedinPACE: Das Alterungstempo verlangsamte sich unter Kalorienreduktion.
  • GrimAge und PhenoAge: keine signifikante Veränderung des biologischen Alters.
  • Größe des Effekts: nach Angaben der Autoren klein.

Die zweite ist DO-HEALTH. Bischoff-Ferrari et al., Nature Aging 2025, haben bei 777 älteren Teilnehmern über drei Jahre vier Uhren gemessen. Geprüft wurden 2.000 IE Vitamin D am Tag, 1 g Omega-3 am Tag und ein Bewegungsprogramm für zu Hause, einzeln und kombiniert.

  • Omega-3 allein: verlangsamte PhenoAge, GrimAge2 und DunedinPACE.
  • Alle drei Maßnahmen zusammen: zusätzlicher Effekt nur bei PhenoAge.
  • Größe des Effekts: 0,16 bis 0,32 Standardeinheiten, von den Autoren in 2,9 bis 3,8 Monate über drei Jahre umgerechnet.

Auch das ist eine nachträgliche Auswertung und ein kleiner Effekt auf einen Laborwert, kein Nachweis gewonnener Lebenszeit.

Dieselbe Maßnahme ergibt je nach Uhr ein anderes Bild. Die Autoren der CALERIE-Auswertung halten selbst fest, dass ein endgültiger Beleg erst Studien liefern können, die über lange Zeit Krankheiten und Sterblichkeit erfassen. Die epigenetische Uhr ist ein Ersatzmaß. Dass sich mit ihr auch das verändert, wofür sie steht, ist nicht gezeigt.

Telomere

Vor den epigenetischen Uhren galten die Telomere als Maß des Alterns. Wang et al., Ageing Research Reviews 2018, haben 25 Studien mit 121.749 Menschen und 21.763 Todesfällen zusammengefasst. Das Viertel mit den kürzesten Telomeren in den weißen Blutkörperchen hatte eine um 26 Prozent höhere Sterblichkeit als das Viertel mit den längsten. Bei über 80-Jährigen war der Zusammenhang schwächer.

Die Autoren nennen zwei Gründe für die uneinheitlichen Ergebnisse der Einzelstudien: das Messverfahren und das Alter bei der Messung. Für einen Test, den man als Einzelperson kauft, ist das eine schlechte Voraussetzung.

Was einfacher und besser belegt ist

Wer wissen will, wie es um die eigene Gesundheit steht, hat Messwerte zur Verfügung, die weniger kosten und aus denen eine erprobte Behandlung folgt. Ein direkter Vergleich ihrer Vorhersagekraft mit epigenetischen Uhren liegt hier nicht zugrunde. In einer Studie mit 122.007 Patienten hatte die Gruppe mit der niedrigsten Ausdauerfitness ein fünffach höheres Sterberisiko als die mit der höchsten (Mandsager et al. 2018). Die VO2max lässt sich messen, mit Referenzwerten nach Alter vergleichen und gezielt trainieren. Dasselbe gilt für Blutdruck, Blutzucker und Blutfette.

Ein epigenetischer Test fügt dem eine Zahl hinzu, die neugierig macht. Eine Entscheidung, die man ohne ihn nicht getroffen hätte, ergibt sich daraus selten.

Studienlage

Ergebnis Wer und wie viele Vergleich Dauer Gemessen Studientyp Quelle
DNA-Methylierung an 353 Stellen sagt das Kalenderalter über 51 Gewebe und Zelltypen vorher 8.000 Proben aus 82 Datensätzen; dazu 6.000 Krebsproben Vorhersage gegen tatsächliches Alter einmalige Messung Kalenderalter, keine Gesundheit oder Lebensdauer Entwicklung eines Rechenmodells Horvath 2013
GrimAge sagt Zeit bis zum Tod, bis zur koronaren Herzkrankheit und bis zum Krebs besser vorher als ältere Uhren mehrere Kohorten mit Tausenden Personen Uhr gegen eingetretene Ereignisse je nach Kohorte Vorhersage von Tod und Erkrankung in Gruppen Entwicklung und Überprüfung in Kohorten Lu et al. 2019
DunedinPACE hängt mit Erkrankung, Einschränkung und Tod zusammen, mit ähnlicher Stärke wie GrimAge Geburtsjahrgang 1972/73 aus Dunedin, an vier Zeitpunkten über zwei Jahrzehnte untersucht; fünf weitere Datensätze Bluttest gegen 19 gemessene Organwerte zwei Jahrzehnte Alterungstempo als Laborwert Entwicklung und Überprüfung in Kohorten Belsky et al. 2022
Bis zu 9 Jahre Abweichung zwischen zwei Messungen derselben Probe bei sechs Uhren; mit neuer Rechenmethode meist unter 1,5 Jahren Wiederholungsmessungen derselben Proben Erstmessung gegen Wiederholung entfällt Messgenauigkeit Methodenstudie Higgins-Chen et al. 2022
DunedinPACE langsamer unter Kalorienreduktion; PhenoAge und GrimAge ohne gesicherte Veränderung. Effekte nach Angaben der Autoren klein 220 Erwachsene ohne Adipositas 25 % weniger Kalorien als Vorgabe, erreicht 11,9 %, gegen normale Kost 2 Jahre Epigenetische Uhren im Blut, keine Krankheiten Randomisiert; nachträgliche Auswertung Waziry et al. 2023
Omega-3 bremste PhenoAge, GrimAge2 und DunedinPACE um 0,16 bis 0,32 Standardeinheiten, umgerechnet 2,9 bis 3,8 Monate 777 ältere Teilnehmer einer Studie mit ursprünglich 2.157 Personen 1 g Omega-3, 2.000 IE Vitamin D und Bewegungsprogramm, einzeln und kombiniert, gegen Placebo 3 Jahre Vier epigenetische Uhren, keine Krankheiten Randomisiert; nachträgliche Auswertung Bischoff-Ferrari et al. 2025
Kürzestes gegen längstes Viertel der Telomerlänge: Sterblichkeit plus 26 % (15 bis 38 %); bei über 80-Jährigen schwächer 121.749 Personen in 25 Studien, 21.763 Todesfälle kurze gegen lange Telomere in weißen Blutkörperchen, keine Zuteilung je nach Kohorte Todesfälle; Einzelstudien uneinheitlich, abhängig vom Messverfahren Metaanalyse von Kohortenstudien Wang et al. 2018
Niedrigste gegen höchste Fitnessgruppe: Sterblichkeit 5,04-fach (4,10 bis 6,20) 122.007 Patienten, die zum Belastungstest überwiesen wurden, im Mittel 53 Jahre; 13.637 Todesfälle Fitnessgruppen nach Leistung auf dem Laufband, keine Zuteilung 8,4 Jahre (Median) Todesfälle; Fitness aus der Laufbandleistung geschätzt Beobachtung, rückblickende Kohorte Mandsager et al. 2018

In Klammern steht, wo angegeben, das 95-%-Konfidenzintervall.

Österreich

Preise laut Anbieter-Websites, Stand Oktober 2026:

  • Speicheltest über eine Wiener Ordination: 199 Euro zuzüglich Versand. Die Ordination bietet ihn auch als Teil eines Pakets um 750 Euro an.
  • Derselbe Testtyp bei einem österreichischen Onlinehändler: 199,90 Euro.
  • Test mit Wangenabstrich und Lebensstil-Fragebogen: 419,90 Euro.

Die Kosten trägt man selbst.

Häufige Fragen

Was ist das biologische Alter?

Eine Schätzung, wie weit der Alterungsprozess des Körpers fortgeschritten ist, im Vergleich zum Durchschnitt Gleichaltriger. Es gibt dafür keine einheitliche Definition und keinen Standardtest. Am weitesten entwickelt sind epigenetische Uhren, die das Alter aus Methylierungsmustern der DNA berechnen.

Wie kann man das biologische Alter bestimmen?

Mit einem epigenetischen Test aus Speichel, Wangenabstrich oder Blut, der im Labor die DNA-Methylierung auswertet. Daneben gibt es Tests der Telomerlänge und Rechenmodelle aus gewöhnlichen Blutwerten. Die Ergebnisse verschiedener Verfahren stimmen nicht überein, weil sie Verschiedenes messen.

Wie genau sind epigenetische Alterstests?

Auf Bevölkerungsebene gut, beim Einzelnen begrenzt. Bei sechs verbreiteten Uhren wichen zwei Messungen derselben Probe um bis zu neun Jahre voneinander ab. Mit einem verbesserten Rechenverfahren lagen die meisten Wiederholungen innerhalb von 1,5 Jahren.

Was kostet ein Test des biologischen Alters?

Eine Wiener Ordination nennt 199 Euro zuzüglich Versand für einen Speicheltest, ein österreichischer Onlinehändler 199,90 Euro für denselben Testtyp. Ein Anbieter mit Wangenabstrich und Fragebogen verlangt 419,90 Euro (Stand Oktober 2026).

Kann man das biologische Alter senken?

Zwei randomisierte Studien wurden nachträglich darauf ausgewertet. In CALERIE (220 Personen, zwei Jahre) verlangsamte eine Kalorienreduktion das Alterungstempo nach DunedinPACE leicht, GrimAge und PhenoAge änderten sich nicht signifikant. In DO-HEALTH (777 ältere Erwachsene, drei Jahre) bremste 1 g Omega-3 am Tag drei von vier Uhren um umgerechnet 2,9 bis 3,8 Monate. Ob solche Veränderungen Krankheiten verhindern oder das Leben verlängern, ist nicht gezeigt.

Was sagen Telomere über das Alter aus?

Telomere sind die Schutzkappen der Chromosomen und werden mit dem Alter kürzer. In einer Metaanalyse mit 121.749 Menschen hatte das Viertel mit den kürzesten Telomeren eine um 26 Prozent höhere Sterblichkeit als das mit den längsten. Für den Einzelnen ist die Aussagekraft gering, und die Messverfahren liefern unterschiedliche Ergebnisse.

Was ist der Unterschied zwischen Horvath-Uhr, GrimAge und DunedinPACE?

Die Horvath-Uhr von 2013 wurde darauf trainiert, das Kalenderalter zu treffen. GrimAge von 2019 wurde auf Sterblichkeit trainiert und gibt ein Alter in Jahren aus. DunedinPACE von 2022 misst kein Alter, sondern ein Tempo: wie schnell jemand derzeit altert.

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