Eisbaden: wie lange, wie kalt und wie gesund
Von Martin Höllinger· Stand · Lesezeit 8 Minuten
Für das Eisbaden kursiert eine genaue Zahl: 11 Minuten kaltes Wasser pro Woche. Sie stammt aus einer dänischen Studie von 2021 und beschreibt, was sieben erfahrene Winterschwimmer ohnehin taten: zwei- bis dreimal pro Woche ins Wasser, pro Besuch zwei bis drei Tauchgänge von durchschnittlich 1,4 Minuten, dazu 57 Minuten Sauna pro Woche. Eine Schwelle, unterhalb derer nichts passiert, wurde nicht geprüft.
Was kontrollierte Studien zeigen, hat eine Metaanalyse von 2025 zusammengetragen: elf Studien, Wasser zwischen 7 und 15 Grad. Von den 3.177 Teilnehmern stammen 3.018 aus einer einzigen Studie mit kalten Duschen; die zehn Studien mit Wannen und Becken hatten zusammen 159. Unmittelbar nach dem Bad stiegen die Entzündungswerte, zwölf Stunden später war der Stress geringer. Für Schlaf und Lebensqualität berichten die Autoren Verbesserungen, für die Stimmung nicht. Das Risiko liegt in den ersten Minuten: Der Kälteschock kann Herzrhythmusstörungen auslösen.
Woher die 11 Minuten kommen
Søberg et al., Cell Reports Medicine 2021, wollten wissen, ob sich das braune Fettgewebe von Winterschwimmern von dem anderer Menschen unterscheidet. Braunes Fett erzeugt Wärme. Die Forscher verglichen junge, gesunde Männer, die mindestens in ihrer zweiten Saison zwei- bis dreimal pro Woche in Dänemark ins kalte Wasser gingen, mit einer Kontrollgruppe gleichen Alters, Gewichts und gleicher Fitness.
Die Gewohnheiten der Winterschwimmer stehen in einer Tabelle der Arbeit.
| Merkmal | Durchschnitt |
|---|---|
| Schwimmbesuche pro Woche | 2,6 |
| Tauchgänge pro Besuch | 2,6 |
| Zeit im Wasser pro Tauchgang | 1,4 Minuten |
| Zeit im kalten Wasser pro Woche | 11 Minuten |
| Zeit in der Sauna pro Woche | 57 Minuten |
Das Ergebnis der Studie: Bei Kälte steigerten die Winterschwimmer ihre Wärmebildung stärker als die Kontrollgruppe. Die Autoren sehen im Winterschwimmen eine mögliche Strategie, den Energieverbrauch zu erhöhen.
Für die Praxis sind drei Einschränkungen wichtig. Es waren sieben Männer in der einen und acht in der anderen Gruppe. Fast alle Winterschwimmer gingen auch in die Sauna, sodass sich Kälte und Wärme nicht trennen lassen. Und die 11 Minuten sind ein Mittelwert dessen, was diese Männer taten. Ob 5 Minuten weniger oder 20 Minuten mehr bewirken, hat niemand verglichen.
Was kontrollierte Studien zeigen
Cain et al., PLoS One 2025, haben alle randomisierten Studien an gesunden Erwachsenen ausgewertet, in denen Wasser von höchstens 15 Grad für mindestens 30 Sekunden eingesetzt wurde. Es waren elf Studien mit 3.177 Teilnehmern. Zehn nutzten Wannen oder Becken, eine die Dusche. Die Gesamtzahl täuscht über die Größe hinweg: 3.018 Teilnehmer gehören zur Duschstudie, auf die zehn Tauchbad-Studien entfallen zusammen 159. Die Ergebnisse zu Entzündung, Stress, Schlaf und Stimmung beruhen also jeweils auf wenigen kleinen Studien, nicht auf Tausenden. Die Temperaturen lagen zwischen 7 und 15 Grad, die Dauer zwischen 30 Sekunden und zwei Stunden.
| Messgröße | Ergebnis |
|---|---|
| Entzündungswerte | Unmittelbar und eine Stunde nach dem Bad erhöht |
| Stress | Zwölf Stunden nach dem Bad geringer; unmittelbar danach, nach 1, 24 und 48 Stunden kein Unterschied |
| Immunfunktion | Unmittelbar und nach einer Stunde kein messbarer Effekt |
| Krankenstand | In der Duschstudie 29 % weniger Krankenstandstage |
| Schlaf und Lebensqualität | Verbessert |
| Stimmung | Nicht verbessert |
Der Anstieg der Entzündungswerte direkt nach dem Bad widerspricht der verbreiteten Aussage, Kälte wirke entzündungshemmend. Die Autoren sprechen von einer akuten Entzündungsreaktion.
Die Zahl zum Krankenstand stammt aus der größten Einzelstudie. Buijze et al., PLoS One 2016, ließen 3.018 Erwachsene 30 Tage lang am Ende der Dusche 30 bis 90 Sekunden kalt duschen. Die Zahl der Krankenstandstage sank um 29 Prozent, die Zahl der Krankheitstage selbst änderte sich nicht.
Eine ältere Übersicht von Tipton und Kollegen trägt den Titel „Kill or cure?“ und fasst zusammen: Kaltes Wasser kann je nach Umständen Bedrohung oder Behandlung sein. Für manche behaupteten Wirkungen gebe es eine plausible Begründung, für andere bleibe die Datenlage auf dem Niveau von Anekdoten.
Der Kälteschock
Die Gefahr beim Eisbaden liegt am Anfang. Die Übersicht von Tipton behandelt das Eintauchen in kaltes Wasser als Vorstufe von Ertrinken, Herzstillstand und Unterkühlung. Matthias Stoll von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft beschreibt den Ablauf in der Pharmazeutischen Zeitung so: Ungeübte riskieren einen Kälteschock mit unkontrolliertem Atemimpuls. Er kann zu Herzrhythmusstörungen führen und damit zu akuten Notfällen. Mit sinkender Körperkerntemperatur lässt die Beweglichkeit nach, bis Schwimmbewegungen nicht mehr möglich sind.
Fünf Regeln für den Einstieg
Die Regeln der Lebensretter:
- Vorbereiten. Den Körper über Wochen mit kalten Duschen gewöhnen und das erste Bad im See in den Herbst legen, nicht in den tiefen Winter.
- Mindestens zu dritt. Zwei im Wasser, eine Person am Ufer. Geht es jemandem schlecht, kann eine Person helfen und die andere den Notruf wählen.
- Aufwärmen und Kopf schützen. Vorher den Kreislauf in Schwung bringen. Im Wasser Mütze oder Neoprenhaube tragen, bei großer Kälte auch Handschuhe und Füßlinge aus Neopren.
- Kurz bleiben. Für Anfänger höchstens so viele Minuten, wie das Wasser Grad hat. Das ist eine Erfahrungsregel der Rettungsschwimmer und eine Obergrenze, kein Ziel und keine in Studien geprüfte Dosis. Die dänischen Winterschwimmer aus der Studie von 2021 blieben im Schnitt 1,4 Minuten pro Tauchgang.
- Langsam aufwärmen. Gründlich abtrocknen, trockene warme Kleidung, heißer Tee. Nicht direkt in die Sauna.
Im Wasser normal atmen. Atemtechniken mit schnellem, tiefem Atmen und Luftanhalten gehören nicht ins Eisbad: Die Anbieter der Wim-Hof-Methode warnen selbst, dass diese Atmung in seltenen Fällen zur Ohnmacht führt und im Wasser zum Ertrinken führen kann.
Vom Tauchen unter einer Eisdecke raten die Lebensretter ab. Der Anlass für ihre Regeln war ein Unfall, bei dem ein Mann von einem Eisloch zum nächsten schwimmen wollte und nicht mehr auftauchte.
Studienlage
| Ergebnis | Wer und wie viele | Vergleich | Dauer | Gemessen | Studientyp | Quelle |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Winterschwimmer bildeten bei Kälte mehr Wärme; in Ruhe niedrigere Kerntemperatur. Zuckeraufnahme ins braune Fett bei Kälte wie in der Vergleichsgruppe | 7 erfahrene Winterschwimmer und 8 Vergleichsmänner, jung und gesund | Winterschwimmer gegen Nichtschwimmer, keine Zuteilung; die Schwimmer gingen auch in die Sauna | einmalige Untersuchung | Wärmebildung und Aktivität des braunen Fetts, keine Gesundheit | Vergleich zweier Gruppen | Søberg et al. 2021 |
| Stress zwölf Stunden nach dem Bad geringer (standardisierte Differenz minus 1,00; minus 1,40 bis minus 0,61); sofort, nach 1, 24 und 48 Stunden kein Unterschied. Schlaf und Lebensqualität besser, Stimmung nicht | 11 Studien an gesunden Erwachsenen; 3.018 der 3.177 Teilnehmer aus einer Duschstudie, 159 aus zehn Tauchbad-Studien | Wasser bis 15 Grad für mindestens 30 Sekunden, Vergleich vor und nach der Anwendung | einmalig bis über Wochen | Fragebögen zu Stress, Schlaf und Befinden | Metaanalyse randomisierter Studien | Cain et al. 2025 |
| Entzündungswerte sofort (1,03; 0,37 bis 1,68) und eine Stunde nach dem Bad (1,26; 0,59 bis 1,94) erhöht | Teilmenge derselben 11 Studien | wie oben | bis 1 Stunde nach dem Bad | Laborwerte im Blut | Metaanalyse randomisierter Studien | Cain et al. 2025 |
| Krankenstandstage 0,71 gegenüber der Kontrollgruppe (p = 0,003); Zahl der Krankheitstage unverändert | 3.018 Erwachsene von 18 bis 65 ohne schwere Vorerkrankung; 79 % hielten die 30 Tage durch | 30, 60 oder 90 Sekunden kalt am Ende der Dusche gegen warm duschen | 30 Tage Pflicht, 60 Tage freiwillig | Hauptendpunkt: Krankheitstage und Krankenstand, selbst berichtet | Randomisiert, nicht verblindet | Buijze et al. 2016 |
| Eintauchen in kaltes Wasser als Vorstufe von Ertrinken, Herzstillstand und Unterkühlung; Belege für die behaupteten Nutzen je nach Anwendung unterschiedlich stark | keine eigenen Teilnehmer | Zusammenschau veröffentlichter Befunde | entfällt | Risiken und Nutzen | Übersichtsarbeit | Tipton et al. 2017 |
In Klammern steht, wo angegeben, das 95-%-Konfidenzintervall.
Österreich
Wien: In der Neuen Donau und in der Lobau bei Essling treffen sich nach einem Bericht des ORF Wien Gruppen zum Eisbaden, regelmäßig an Sonntagen. Der Gründer einer dieser Gruppen nennt als wichtigsten Punkt die Atmung: ruhig weiteratmen, wenn das Wasser den Brustkorb erreicht. Voraussetzung ist ein gesundes Herz-Kreislauf-System.
Vorher abklären: Blutdruck und Herz werden bei der kostenlosen Gesundenuntersuchung untersucht. Ein EKG ist dort nicht enthalten.
Häufige Fragen
Wie lange sollte man eisbaden?
Eine geprüfte Dosis gibt es nicht. Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft nennt für Anfänger eine Obergrenze als Faustregel: höchstens so viele Minuten im Wasser, wie das Wasser Grad hat. Bei drei Grad ist nach spätestens drei Minuten Schluss. Die Regel nennt eine Grenze, kein Ziel. Die dänischen Winterschwimmer aus der Studie von 2021 blieben pro Tauchgang im Schnitt 1,4 Minuten.
Ist Eisbaden gesund?
Für einzelne Wirkungen gibt es Belege aus kleinen randomisierten Studien mit Tauchbädern: weniger Stress zwölf Stunden nach dem Bad, Hinweise auf besseren Schlaf und höhere Lebensqualität. Eine große Studie mit kalten Duschen fand 29 Prozent weniger Krankenstandstage. Duschen, Tauchbad und Winterschwimmen sind verschiedene Reize, und die Studien sind unterschiedlich angelegt. Belege für weniger Herzinfarkte oder ein längeres Leben gibt es nicht.
Wie oft sollte man eisbaden?
Eine geprüfte Empfehlung gibt es nicht. Die untersuchten Winterschwimmer gingen im Schnitt 2,6-mal pro Woche ins Wasser und kamen zusammen auf 11 Minuten.
Was ist die Søberg-Regel?
Die Zahlen 11 Minuten Kälte und 57 Minuten Sauna pro Woche. Sie sind die Durchschnittswerte von sieben jungen dänischen Winterschwimmern, deren Fettgewebe und Wärmebildung mit einer Kontrollgruppe verglichen wurden. Die Studie hat keine verschiedenen Mengen gegeneinander getestet.
Wie gefährlich ist Eisbaden?
Die Gefahr liegt im Kälteschock und in der Unterkühlung. Beim Eintauchen kommt es zu einem unkontrollierten Atemimpuls, und es können Herzrhythmusstörungen auftreten. Sinkt die Körpertemperatur, werden Schwimmbewegungen irgendwann unmöglich. Deshalb gilt: nie allein, langsam hinein, kurz bleiben.
Reicht eine Eistonne oder eine kalte Dusche?
Die kontrollierten Studien wurden überwiegend in Wannen und Becken mit 7 bis 15 Grad durchgeführt, eine mit kalten Duschen. Ein See ist dafür nicht nötig. Die Vorsicht bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen gilt in der Tonne genauso.
Darf man nach dem Eisbaden in die Sauna?
Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft rät davon ab, den Körper nach dem Eiswasser sofort der Saunahitze auszusetzen, weil das Herz und Kreislauf zu stark belasten kann. Besser ist langsames Aufwärmen: abtrocknen, warme Kleidung, ein heißes Getränk ohne Alkohol.
Dazu passt
- Sauna: wie gesund sie ist und wie oft pro Woche
Die finnische Kohortenstudie in Zahlen, Frauen, Blutdruck, Demenz, Erkältung, Infrarotkabine, Schwangerschaft und die Fälle, in denen die Sauna tabu ist.
- Was ist Biohacking?
Was der Begriff meint, neun Biohacks mit Studie und Ergebnis, eine Reihenfolge für den Einstieg und die Grenze zur Selbstvermessung als Problem.
- Kälte und Wärme
Sauna, Eisbaden, Kältekammer, Rotlicht: Protokolle, Temperaturen, Minuten.
- Schlaf und Stress
Cortisol, HRV, Tiefschlaf, Atemübungen.
- Gesundenuntersuchung in Österreich: was gemacht wird und was fehlt
Wer Anspruch hat, was beim Gesundheits-Check untersucht wird, welche Blutwerte dabei sind, was nach Alter dazukommt und was Zusatzuntersuchungen kosten.