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Schlaf und Stress

HRV: Werte nach Alter und was sie aussagen

Von Martin Höllinger· Stand · Lesezeit 9 Minuten

Die Herzratenvariabilität, kurz HRV, beschreibt, wie stark die Abstände zwischen zwei Herzschlägen schwanken. Ein gesundes Herz schlägt nicht wie ein Metronom. Der gebräuchlichste Wert ist der RMSSD in Millisekunden. In einer niederländischen Kohorte mit 84.571 Menschen lag er im Mittel bei 52 ms für Frauen und 48 ms für Männer zwischen 20 und 24 Jahren und bei 20 und 19 ms zwischen 60 und 64. Die Spanne innerhalb jeder Altersgruppe ist enorm: Bei 40- bis 44-jährigen Frauen reichte sie von 10 bis 124 ms.

Daraus folgen zwei Dinge. Der eigene Wert lässt sich nur mit Gleichaltrigen vergleichen, und auch dann sagt er wenig, weil gesunde Menschen weit auseinanderliegen. Aussagekräftiger ist der Verlauf bei derselben Person. Niedrige HRV hing in einer Auswertung von acht Studien mit 21.988 Menschen mit einem um 32 bis 45 Prozent höheren Risiko für ein erstes Herz-Kreislauf-Ereignis zusammen.

Was gemessen wird

Zwischen zwei Herzschlägen liegt bei einem Ruhepuls von 60 im Schnitt eine Sekunde. Die einzelnen Abstände weichen davon ab, einmal 950, einmal 1.040 Millisekunden. Diese Schwankung ist die Herzratenvariabilität. Shaffer et al. beschreiben sie als Zeichen eines Systems, das sich rasch an körperliche und psychische Anforderungen anpassen kann.

Es gibt viele Kennzahlen. Zwei begegnen einem am häufigsten:

  • RMSSD erfasst die Unterschiede von einem Herzschlag zum nächsten und bildet vor allem den Einfluss des Vagusnervs ab.
  • SDNN ist die Standardabweichung aller Abstände über die Messdauer und hängt stark davon ab, wie lange gemessen wird.

Die Übersichtsarbeit warnt vor einem häufigen Fehler: Normwerte aus 24-Stunden-Messungen, aus Kurzzeitmessungen von etwa fünf Minuten und aus noch kürzeren Messungen sind nicht austauschbar. Es kommt auf Messdauer, Alter und Geschlecht an.

Normwerte nach Alter

Die größte Sammlung von Referenzwerten stammt aus der Lifelines-Kohorte in den Niederlanden. Tegegne et al., European Journal of Preventive Cardiology 2020, werteten Ruhe-EKGs von zehn Sekunden Dauer aus.

Alter Frauen, Median RMSSD im 10-Sekunden-Ruhe-EKG Männer, Median RMSSD im 10-Sekunden-Ruhe-EKG Spanne Frauen (2. bis 98. Perzentile)
20 bis 24 52 ms 48 ms 11 bis 206 ms
30 bis 34 42 ms 37 ms 12 bis 161 ms
40 bis 44 34 ms 29 ms 10 bis 124 ms
50 bis 54 27 ms 24 ms 8 bis 96 ms
60 bis 64 20 ms 19 ms 6 bis 79 ms
70 bis 74 18 ms 16 ms 5 bis 116 ms
Liniendiagramm: Median des RMSSD nach Altersgruppen. Frauen von 66 ms mit 13 bis 14 Jahren auf 16 ms ab 75, Männer von 67 auf 15 msBalkendiagramm: Median des RMSSD nach Altersgruppen für Frauen und Männer, von rund 60 ms mit 15 bis 19 Jahren auf rund 15 ms ab 75

Drei Dinge lassen sich ablesen.

Die Werte gelten für diese Messart. Sie sind keine Zielwerte für die nächtliche HRV einer Uhr oder eines Rings, und sie lassen sich nicht mit Geräten vergleichen, die statt des RMSSD den SDNN oder einen eigenen Kennwert anzeigen.

Der Wert halbiert sich bis zur Lebensmitte. Zwischen Anfang 20 und Anfang 50 fällt der Median um etwa die Hälfte. Danach flacht die Kurve ab. Eine ältere Studie mit 24-Stunden-EKGs an 260 Gesunden zwischen 10 und 99 Jahren fand dasselbe Muster: Der RMSSD sank bis zum sechsten Lebensjahrzehnt auf 47 Prozent des Ausgangswerts und blieb dann stabil (Umetani et al. 1998).

Frauen liegen bis etwa 60 höher. Der Unterschied ist zwischen 20 und 50 am größten und verschwindet im Alter.

Die Streuung ist größer als der Alterseffekt. Eine gesunde 42-Jährige kann 10 oder 124 ms haben. Ein einzelner Wert ordnet deshalb niemanden als gesund oder krank ein.

Hoch ist nicht automatisch gut. Die Übersichtsarbeit von Shaffer hält fest, dass auch krankhafte Zustände eine hohe HRV erzeugen können, etwa Vorhofflimmern, und dass schon zwei Messfehler in fünf Minuten den Wert deutlich verzerren. Ein unerwartet hoher Wert ist deshalb kein Fitnessbeweis; bei Herzstolpern, Schwindel oder Atemnot gehört er ärztlich abgeklärt.

Was eine niedrige HRV bedeutet

Hillebrand et al., Europace 2013, fassten acht Studien mit 21.988 Menschen ohne bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung zusammen. Die Gruppe mit der niedrigsten HRV hatte ein um 35 Prozent höheres Risiko für ein erstes Herz-Kreislauf-Ereignis als die Gruppe mit der höchsten. Über verschiedene Kennzahlen gerechnet lag das Mehr bei 32 bis 45 Prozent.

Das ist ein Zusammenhang, keine Ursache. Eine niedrige HRV kann Ausdruck des Alters oder einer Erkrankung sein. Dass es das Risiko senkt, die HRV gezielt anzuheben, hat keine dieser Studien untersucht.

Die Studie von Umetani zeigt außerdem die Grenze fester Schwellen. Bei Gesunden über 65 lagen je nach Kennzahl 4 bis 25 Prozent unter den damals verwendeten Grenzwerten für ein erhöhtes Sterberisiko. Der altersbedingte Rückgang macht einen Wert, der für 40-Jährige auffällig wäre, bei 70-Jährigen normal.

Uhren, Ringe, Brustgurte

Referenz ist das EKG, das die elektrische Erregung des Herzens aufzeichnet. Uhren und Ringe messen optisch die Pulswelle. Streng genommen ist das die Variabilität des Pulses, nicht des Herzschlags.

Xu et al., Sensors 2026, haben 43 Vergleichsstudien an Gesunden gesichtet; zehn lieferten Zahlen für eine gemeinsame Auswertung. Die Abweichung der optischen Messung vom EKG war für RMSSD und SDNN gering. Die Autoren schränken ein, dass die Auswertung auf wenigen Studien beruht und überwiegend Messungen in Ruhe oder unter kontrollierten Bedingungen umfasst.

Für den Alltag heißt das: Belegt ist die Genauigkeit für Messungen in Ruhe. Verglichen werden sollte nur innerhalb desselben Geräts und derselben Messsituation.

HRV als Trainingssteuerung

Die Idee: Ist die morgendliche HRV gegenüber dem eigenen Durchschnitt deutlich gesunken, fällt die Einheit leichter aus oder entfällt. Manresa-Rocamora et al. 2021 haben die kontrollierten Studien dazu ausgewertet.

  • Vagale HRV-Werte: stiegen bei HRV-gesteuertem Training stärker als bei festem Plan.
  • Ruhepuls: kein Unterschied.
  • Maximale Sauerstoffaufnahme und Ausdauerleistung: kleiner Vorteil für das gesteuerte Training, statistisch nicht gesichert.
  • Negative Verläufe: bei gesteuertem Training seltener.

Die Autoren folgern, dass ein Vorteil für die Leistung, falls es ihn gibt, klein ist. Offen ist auch die Methode: welche Kennzahl, in welcher Körperlage, verglichen mit welchem Durchschnitt.

Wenn der Wert zum Problem wird

Eine HRV, die jeden Morgen abgelesen wird, ohne dass daraus eine Entscheidung folgt, bringt keinen Nutzen. Schlafmediziner haben das Muster für Schlaftracker beschrieben: Patienten suchen wegen der Daten ihres Geräts Hilfe und vertrauen ihnen mehr als einer Messung im Schlaflabor (Baron et al. 2017). Sinnvoll ist die HRV als Verlaufswert über Wochen, nicht als tägliche Note.

Studienlage

Ergebnis Wer und wie viele Vergleich Dauer Gemessen Studientyp Quelle
RMSSD mit 20 bis 24 Jahren 52 ms bei Frauen und 48 ms bei Männern, mit 60 bis 64 Jahren 20 und 19 ms; Spanne bei Frauen von 40 bis 44 Jahren von 10 bis 124 ms 84.571 Personen der niederländischen Lifelines-Kohorte Altersgruppen untereinander, keine Verlaufsmessung einmalige Messung Ruhe-EKG von 10 Sekunden Querschnitt Tegegne et al. 2020
RMSSD sinkt bis zum sechsten Lebensjahrzehnt auf 47 % des Werts im zweiten und bleibt dann stabil; unter 30 Jahren bei Frauen niedriger, ab 50 kein Unterschied 260 Gesunde von 10 bis 99 Jahren, 112 männlich und 148 weiblich Lebensjahrzehnte untereinander einmalige Messung Langzeit-EKG über 24 Stunden Querschnitt Umetani et al. 1998
Erstes Herz-Kreislauf-Ereignis bei niedrigster gegenüber höchster HRV 1,35-fach (1,10 bis 1,67) für den Gesamtwert SDNN, 1,45-fach (1,12 bis 1,87) für den niederfrequenten Anteil 8 Studien mit 21.988 Personen ohne bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung niedrigste gegen höchste HRV-Gruppe Beobachtungsdauer in der Zusammenfassung nicht angegeben tödliche und nicht tödliche Herz-Kreislauf-Ereignisse Metaanalyse von Beobachtungsstudien; RMSSD nicht ausgewertet Hillebrand et al. 2013
Normwerte aus 24 Stunden, rund 5 Minuten und unter 5 Minuten sind nicht austauschbar; Alter, Geschlecht und Messdauer bestimmen den Ausgangswert keine eigenen Teilnehmer entfällt entfällt veröffentlichte Normwerte Übersichtsarbeit Shaffer et al. 2017
Abweichung der optischen Messung vom EKG beim RMSSD 0,188 (0,066 bis 0,309), beim SDNN 0,134 (0,014 bis 0,255), jeweils als standardisierter Fehler 10 Studien an Gesunden in der gemeinsamen Auswertung, je 8 pro Messgröße optische Pulsmessung gegen gleichzeitiges EKG einzelne Messungen, überwiegend in Ruhe Übereinstimmung der Werte Metaanalyse von Vergleichsstudien; gilt laut Autoren nicht für Schlaf, Sport oder Alltag Xu et al. 2026
Vagale HRV-Werte höher (standardisierte Differenz 0,50; 0,09 bis 0,91); maximale Sauerstoffaufnahme 0,20 (minus 0,07 bis 0,47) und Ausdauerleistung 0,20 (minus 0,09 bis 0,48) nicht gesichert Studienzahl und Teilnehmer in der Zusammenfassung nicht angegeben nach HRV gesteuertes Training gegen vorab festgelegten Plan unterschiedlich HRV, Ruhepuls, Sauerstoffaufnahme, Leistung Metaanalyse kontrollierter Studien Manresa-Rocamora et al. 2021

In Klammern steht, wo angegeben, das 95-%-Konfidenzintervall.

Häufige Fragen

Was ist ein guter HRV-Wert?

Das hängt vom Alter ab. Der mittlere RMSSD in Ruhe lag in einer großen niederländischen Kohorte bei rund 50 ms mit Anfang 20, 34 ms für Frauen und 29 ms für Männer mit Anfang 40 und rund 20 ms mit Anfang 60. Gesunde Menschen desselben Alters liegen aber weit auseinander, bei 40- bis 44-Jährigen zwischen etwa 8 und 124 ms.

Was sagt die HRV aus?

Sie zeigt, wie flexibel das vegetative Nervensystem den Herzschlag regelt. Hohe Werte in Ruhe stehen für eine starke Aktivität des Vagusnervs. Die HRV sinkt mit dem Alter. Sie ist ein unspezifisches Signal und keine Diagnose.

Wie wird die HRV gemessen?

Der Goldstandard ist das EKG, entweder über 24 Stunden oder als Kurzzeitmessung über wenige Minuten. Uhren und Ringe messen optisch am Handgelenk oder Finger und leiten die Abstände aus der Pulswelle ab. Eine Metaanalyse fand dafür in Ruhe geringe Abweichungen vom EKG.

Warum zeigt meine Uhr andere Werte als die Tabelle?

Weil Messdauer, Tageszeit und Messgröße anders sind. Normwerte aus 24-Stunden-EKGs, aus Kurzzeitmessungen und aus Messungen unter fünf Minuten sind nach einer Übersichtsarbeit nicht untereinander austauschbar. Vergleichbar sind nur Werte desselben Geräts unter denselben Bedingungen.

Ist eine niedrige HRV gefährlich?

Ein einzelner niedriger Wert nicht. In Bevölkerungsstudien hatten Menschen mit niedriger HRV ein um 32 bis 45 Prozent höheres Risiko für ein erstes Herz-Kreislauf-Ereignis als jene mit hoher. Das ist ein statistischer Zusammenhang über Gruppen. Ab 65 Jahren liegt ein Teil der Gesunden unter den früher verwendeten Risikoschwellen, einfach wegen des Alters.

Kann man die HRV verbessern?

In Studien mit Ausdauersportlern stiegen die vagalen HRV-Werte stärker, wenn das Training täglich nach der HRV gesteuert wurde statt nach festem Plan. Für Ausdauerleistung und maximale Sauerstoffaufnahme war der Vorteil klein und statistisch nicht gesichert.

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