Spermidin: Wirkung, Lebensmittel und Dosierung
Von Martin Höllinger· Stand · Lesezeit 14 Minuten
Spermidin ist das Longevity-Molekül mit österreichischer Herkunft: Die Autophagie-Wirkung wurde 2009 an der Universität Graz beschrieben, die große Bevölkerungsstudie kam 2018 aus Innsbruck. Dort hatten 829 Südtiroler mit mehr als 11,6 mg Spermidin pro Tag aus der Nahrung über 20 Jahre eine Sterblichkeit, die der von 5,7 Jahre jüngeren Menschen entsprach. Die einzige placebokontrollierte Kapselstudie über ein Jahr fand dagegen keinen Effekt auf das Gedächtnis. Dazwischen liegt die ganze Spannweite dessen, was über Spermidin bekannt ist.
Die Zahlen, auf die es ankommt: 0,2 bis rund 20 mg pro 100 g in den meisten Lebensmitteln der Datenbank und bis 108 mg in Weizenkeimen, 0,9 bis 6 mg in den Kapseln der Studien, 6 mg als Obergrenze für den einzigen in der EU zugelassenen Spermidin-Extrakt, und 15 mg pro Tag, die den Spermidinspiegel im Blut in einer Pharmakokinetik-Studie nicht erhöht haben.
Was Spermidin ist und warum es mit dem Alter sinkt
Spermidin ist ein Polyamin, ein kleines, stickstoffhaltiges Molekül, das in jeder lebenden Zelle vorkommt. Es stabilisiert Erbgut und Zellmembranen, reguliert das Zellwachstum und ist an der Autophagie beteiligt, dem Abbau und Recycling beschädigter Zellbestandteile. Der Körper bezieht es aus drei Quellen: eigener Synthese in den Zellen, Produktion durch Darmbakterien und der Nahrung. Den größten Anteil liefert die Nahrung.
Mit dem Alter sinken die Spermidinkonzentrationen in Geweben und Blut, so die Übersichtsarbeit von Hofer und Kollegen in Nature Aging 2022. Genau dieser Abfall ist der Ansatzpunkt: Die Hypothese lautet, dass eine höhere Zufuhr die Autophagie im Alter auf dem Niveau junger Zellen hält. Ob das beim Menschen stimmt, ist die eigentliche Frage.
Was die Studien am Menschen zeigen
Die Humandaten zerfallen in zwei Gruppen, die man nicht vermischen darf: Beobachtungsstudien zur Zufuhr aus Lebensmitteln und kontrollierte Studien mit Präparaten.
Beobachtung: höhere Zufuhr, niedrigere Sterblichkeit
Die Bruneck-Studie der Medizinischen Universität Innsbruck (Kiechl et al., American Journal of Clinical Nutrition 2018) begleitete 829 Einwohner der Südtiroler Stadt Bruneck, 45 bis 84 Jahre alt, von 1995 bis 2015. Die Ernährung wurde viermal mit Fragebögen erhoben, 341 Teilnehmer starben im Beobachtungszeitraum. Die Sterblichkeit sank über die drei Zufuhr-Drittel von 40,5 auf 23,7 auf 15,1 Todesfälle pro 1.000 Personenjahre. Nach Bereinigung um Alter, Geschlecht, Kalorien, Lebensstil und andere Ernährungsfaktoren blieb pro Standardabweichung mehr Spermidin ein um 24 Prozent niedrigeres Sterberisiko. Der Unterschied zwischen oberstem und unterstem Drittel entsprach einem Altersunterschied von 5,7 Jahren. Die Salzburger SAPHIR-Kohorte bestätigte das Muster unabhängig.
Die Drittel-Grenzen lagen bei 60 und 80 Mikromol pro Tag. Umgerechnet mit der Molmasse von 145,25 g/mol: Wer unter 8,7 mg Spermidin pro Tag aß, war im untersten Drittel, wer über 11,6 mg kam, im obersten.
Drei weitere Kohorten liefern ein gemischtes Bild:
- NHANES, USA (Wu et al. 2022): 23.894 Teilnehmer, 2003 bis 2014. Das Viertel mit der höchsten Spermidinzufuhr hatte ein um 30 Prozent niedrigeres Gesamtsterberisiko und ein um 32 Prozent niedrigeres Herz-Kreislauf-Sterberisiko als das unterste Viertel.
- UK Biobank (Nutrients 2024): 184.732 Teilnehmer, 11,5 Jahre. Hier wurden alle Polyamine zusammen gezählt. Das niedrigste Sterberisiko lag nicht in der höchsten Zufuhrgruppe, sondern im zweiten Fünftel bei 17,4 bis 22,3 mg Polyaminen pro Tag. Mehr war nicht besser.
- Takayama, Japan (British Journal of Nutrition 2023): 29.079 Erwachsene, 16 Jahre. Kein Zusammenhang zwischen Spermidinzufuhr und Sterblichkeit, weder gesamt noch nach Ursache. Bei Frauen deutete sich sogar ein höheres Krebssterberisiko im obersten Viertel an, knapp nicht signifikant.
Beobachtungsstudien zeigen Zusammenhänge, keine Ursachen. Wer viel Spermidin isst, isst Vollkorn, Hülsenfrüchte, Gemüse und Pilze, und genau das korreliert ohnehin mit längerem Leben. Die Autoren der Bruneck-Studie haben dafür statistisch bereinigt, so weit das geht; der japanische Befund zeigt, dass der Zusammenhang nicht in jeder Esskultur auftaucht.
Kontrolliert: Kapseln gegen Placebo
Die Berliner SmartAge-Studie (Schwarz et al., JAMA Network Open 2022) ist die größte und längste placebokontrollierte Spermidinstudie. 100 Menschen zwischen 60 und 90 Jahren mit subjektiv nachlassendem Gedächtnis nahmen zwölf Monate lang täglich 0,9 mg Spermidin aus Weizenkeimextrakt oder Placebo. Ergebnis beim primären Endpunkt, der Gedächtnisleistung: kein Unterschied (Differenz -0,03, Konfidenzintervall -0,11 bis 0,05). Auch die Biomarker änderten sich nicht. In explorativen Auswertungen gab es Hinweise auf Vorteile beim verbalen Gedächtnis und bei Entzündungswerten, die erst bei höherer Dosis bestätigt werden müssten.
Die Vorläuferstudie derselben Gruppe (Wirth et al., Cortex 2018) hatte mit 30 Teilnehmern über drei Monate und 1,2 mg pro Tag einen mittleren Effekt auf das Gedächtnis gefunden. Die größere Studie konnte ihn nicht wiederholen. Das ist ein bekanntes Muster: kleine Pilotstudien überschätzen Effekte.
Die steirische Demenzstudie (Pekar et al., Wiener klinische Wochenschrift 2021) ging einen anderen Weg. 85 Bewohner von sechs Pflegeheimen in der Steiermark, 60 bis 96 Jahre alt, bekamen drei Monate lang sechsmal pro Woche ein Frühstücksweckerl: die eine Gruppe mit Weizenkeimen (3,3 mg Spermidin pro Stück), die andere mit Weizenkleie (1,9 mg). Bei leichter Demenz verbesserte sich der Mini-Mental-Status-Test in der Weizenkeim-Gruppe um 2,23 Punkte, die Kleie-Gruppe blieb gleich oder verschlechterte sich. Die Fortsetzung über ein Jahr mit 45 Bewohnern in Hart bei Graz (Pekar et al. 2024) fand eine mittlere Verbesserung um 5 Punkte, allerdings ohne Kontrollgruppe und ohne Verblindung, weil alle dieselbe Kost bekamen. Die Studie war von den Autoren selbst finanziert.
Zwei weitere kontrollierte Studien betreffen Sicherheit und Aufnahme, nicht Wirkung:
- Senekowitsch et al., Nutrients 2023: 12 gesunde Erwachsene nahmen fünf Tage lang 15 mg Spermidin pro Tag. Der Spermidinspiegel im Blutplasma stieg nicht, der Spiegel von Spermin schon, dem Molekül, das der Körper aus Spermidin bildet. Das heißt nicht, dass nichts aufgenommen wurde: Die Autoren vermuten, dass Spermidin schon vor dem Übertritt in den Kreislauf zu Spermin umgewandelt wird, und halten kurzfristige Effekte unter 15 mg pro Tag für unwahrscheinlich.
- Keohane et al., Nutrition Research 2024: 37 Männer zwischen 50 und 70 nahmen 28 Tage lang 40 mg reines Spermidin-Trihydrochlorid. Keine Veränderungen bei Blutbild, Leber-, Nieren- und Fettwerten, keine Nebenwirkungen. Auch hier blieben die Polyaminspiegel in Serum und Urin praktisch gleich.
Neu ist eine Pilotstudie in Aging Cell 2026 (DOI 10.1111/acel.70545): 40 Menschen über 65 nahmen 13 Wochen lang 6 mg Spermidin pro Tag nach der dritten SARS-CoV-2-Impfung. Bei den Teilnehmern, die schwach auf die Impfung angesprochen hatten, stiegen Antikörper und Gedächtnis-B-Zellen unter Spermidin. 40 Teilnehmer sind wenig; die Studie ist eine Hypothese, kein Beleg.
Was nur im Tiermodell und in der Zellkultur belegt ist
Die Geschichte beginnt in Graz. Eisenberg und Madeo, Nature Cell Biology 2009, zeigten, dass Spermidin die Lebensspanne von Hefe, Fliegen, Würmern und menschlichen Immunzellen in Kultur verlängert und dass dafür die Autophagie nötig ist. Eisenberg et al., Nature Medicine 2016, fütterten Mäuse mit Spermidin: Sie lebten länger, ihr Herz blieb elastischer, der Blutdruck salzempfindlicher Ratten sank. Schroeder et al., Cell Reports 2021, zeigten, dass Spermidin aus der Nahrung bei Mäusen die Blut-Hirn-Schranke passiert und das räumliche Lernen alter Tiere verbessert. Hofer et al., Nature Cell Biology 2024, fanden, dass Fasten den Spermidinspiegel in Hefe, Fliegen, Mäusen und menschlichen Probanden erhöht und dass ohne Spermidin die lebensverlängernde Wirkung des Fastens bei den Tieren ausbleibt.
Das sind starke Mechanismus-Daten. Sie erklären, warum Spermidin überhaupt untersucht wird. Sie sagen nichts darüber, ob 1 oder 6 mg aus einer Kapsel bei einem 55-jährigen Menschen etwas ändern. Die Mäuse bekamen Spermidin über das Trinkwasser, in Konzentrationen, die sich nicht in eine Kapseldosis für Menschen übersetzen lassen.
Studienlage
| Ergebnis | Wer und wie viele | Vergleich | Dauer | Gemessen | Studientyp | Quelle |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Sterblichkeit je Standardabweichung höherer Zufuhr: 0,76 (0,67 bis 0,86). Todesfälle pro 1.000 Personenjahre vom untersten zum obersten Drittel 40,5, 23,7 und 15,1 | 829 Erwachsene von 45 bis 84 aus Bruneck, Südtirol; 341 Todesfälle | Drittel der Spermidinzufuhr aus Lebensmitteln laut Ernährungsfragebogen, keine Zuteilung | 20 Jahre | Tod aus jeder Ursache; in einer zweiten Kohorte aus Salzburg bestätigt | Beobachtung, Kohorte | Kiechl et al. 2018 |
| Höchstes gegen niedrigstes Zufuhr-Viertel: Sterblichkeit 0,70 (0,60 bis 0,82), Herz-Kreislauf-Tod 0,68 (0,51 bis 0,91) | 23.894 Erwachsene aus den USA; 2.365 Todesfälle | Viertel der Spermidinzufuhr laut Ernährungserhebung, keine Zuteilung | Erhebungen 2003 bis 2014 mit Nachbeobachtung | Todesfälle | Beobachtung, Kohorte | Wu et al. 2022 |
| Niedrigste Sterblichkeit bei 17 bis 22 mg Polyaminen am Tag: 0,82 (0,76 bis 0,88) gegenüber dem untersten Fünftel; Zusammenhang nicht linear | 184.732 Erwachsene ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung aus Großbritannien; 7.348 Todesfälle | Fünftel der Polyaminzufuhr, keine Zuteilung | 11,5 Jahre (Median) | Tod oder neue Herz-Kreislauf-Erkrankung; alle Polyamine zusammen, nicht Spermidin allein | Beobachtung, Kohorte | Han et al. 2024 |
| Kein Zusammenhang mit der Sterblichkeit; bei Frauen Krebssterblichkeit im obersten Viertel 1,38 (0,99 bis 1,93) | 29.079 Erwachsene ab 35 aus Japan; 5.339 Todesfälle | Viertel der Spermidinzufuhr laut Fragebogen, keine Zuteilung | 16 Jahre | Tod aus jeder Ursache und nach Ursache | Beobachtung, Kohorte | Nagata et al. 2024 |
| Gedächtnisleistung: kein Unterschied (Differenz minus 0,03; minus 0,11 bis 0,05) | 100 Menschen von 60 bis 90 mit subjektiv nachlassendem Gedächtnis; 89 schlossen ab | 0,9 mg Spermidin aus Weizenkeimextrakt am Tag gegen Placebo | 12 Monate | Hauptendpunkt: Gedächtnistest | Randomisiert, doppelblind, Phase 2b | Schwarz et al. 2022 |
| Gedächtnisleistung mäßig besser als unter Placebo, Unterschied nicht gesichert (0,17; minus 0,01 bis 0,35) | 30 Menschen von 60 bis 80 mit subjektiv nachlassendem Gedächtnis | 1,2 mg Spermidin aus Pflanzenextrakt am Tag gegen Placebo | 3 Monate | Gedächtnistest | Randomisiert, doppelblind, Pilotstudie | Wirth et al. 2018 |
| Bei leichter Demenz plus 2,23 Punkte im Demenztest MMSE (p = 0,026) in der Gruppe mit höherer Dosis | 85 Bewohner von 6 steirischen Pflegeheimen, 60 bis 96 Jahre | 3,3 mg Spermidin aus Weizenkeim-Weckerln gegen eine niedrigere Dosis, ohne Placebo | 3 Monate | Demenztest; als erste Ergebnisse veröffentlicht | Doppelblind, vorläufig | Pekar et al. 2021 |
| Spermidin in Plasma und Speichel unverändert, Spermin im Plasma erhöht | 12 gesunde Freiwillige | 15 mg Spermidin am Tag gegen Placebo, jeder Teilnehmer bekam beides | 5 Tage je Phase | Blut- und Speichelspiegel | Randomisiert, dreifach verblindet, Crossover | Senekowitsch et al. 2023 |
| Keine Veränderung von Blutbild, Blutfetten und klinischen Werten; Polyamine in Blut und Harn kaum verändert | 37 gesunde Männer von 50 bis 70 | 40 mg hochreines Spermidin am Tag gegen Placebo | 7 und 28 Tage | Sicherheitswerte | Randomisiert, doppelblind, explorativ | Keohane et al. 2024 |
| Antikörper und Gedächtnis-B-Zellen stiegen bei Teilnehmern mit schwacher Impfantwort | 40 Menschen über 65 nach der dritten SARS-CoV-2-Impfung | 6 mg Spermidin am Tag | 13 Wochen | Laborwerte der Impfantwort in einer Untergruppe | Pilotstudie | Aging Cell 2026 |
| Längere Lebensspanne von Hefe, Fliegen, Würmern und menschlichen Immunzellen in Kultur | Modellorganismen und Zellen | Spermidin gegen unbehandelt | Lebensdauer | Überleben; Wirkung hing an der Autophagie | Modellorganismen und Zellkultur | Eisenberg et al. 2009 |
| Längere Lebensspanne, geringere Verdickung des Herzmuskels | Mäuse; dazu salzempfindliche Ratten | Spermidin oral gegen unbehandelt | Lebensdauer | Überleben und Herzfunktion | Tiermodell | Eisenberg et al. 2016 |
| Besseres räumliches Lernen alter Tiere | alte Mäuse; dazu Fruchtfliegen | Spermidin im Futter gegen unbehandelt | je nach Versuch | Lerntests | Tiermodell | Schroeder et al. 2021 |
In Klammern steht, wo angegeben, das 95-%-Konfidenzintervall.
Spermidin in Lebensmitteln
Die Gehalte stammen aus der Lebensmitteldatenbank von Atiya Ali et al., Food & Nutrition Research 2011, die Messwerte aus Großbritannien, Deutschland, Japan, Tschechien und Frankreich zusammenführt. Weizenkeime kommen aus anderen Analysen, weil die Datenbank dafür keinen Wert führt: 24,3 mg Spermidin pro 100 g in der Literatur, die Pekar et al. zitieren, 44 mg Gesamtpolyamine pro 100 g bei Muñoz-Esparza et al., Foods 2021, und 107,5 mg Spermidin pro 100 g in der steirischen Charge der Demenzstudie. Die Spanne ist real: Weizenkeime schwanken je nach Sorte, Keimung und Lagerung um das Vierfache.
Die Grafik rechnet die Werte auf übliche Portionen um, weil 100 g Weizenkeime niemand isst, 100 g Pilze schon:


| Lebensmittel | Spermidin mg pro 100 g | Übliche Portion | mg pro Portion |
|---|---|---|---|
| Weizenkeime | 24 bis 108 | 2 Esslöffel (15 g) | 3,6 bis 16 |
| Cheddar, 1 Jahr gereift | 20,0 | 30 g | 6,0 |
| Cheddar, jung | 8,1 bis 10,9 | 30 g | 2,4 bis 3,3 |
| Sojabohnen, getrocknet | 3,3 bis 20,7 | 60 g | 2,0 bis 12,4 |
| Speisepilze | 8,9 | 100 g | 8,9 |
| Rindfleisch, roh, faschiert | 0,3 bis 7,2 | 125 g | 0,4 bis 9,0 |
| Hühnerleber | 4,9 | 100 g | 4,9 |
| Erbsen, tiefgekühlt | 4,7 | 150 g | 7,0 |
| Mais | 2,1 bis 4,3 | 150 g | 3,2 bis 6,5 |
| Brokkoli | 3,3 bis 4,1 | 150 g | 5,0 bis 6,2 |
| Mango | 3,0 | 150 g | 4,5 |
| Kichererbsen | 2,9 | 60 g (trocken) | 1,7 |
| Blumenkohl | 2,5 bis 3,1 | 150 g | 3,7 bis 4,7 |
| Vollkornbrot | 2,4 | 2 Scheiben (80 g) | 2,0 |
| Haselnüsse | 2,1 | 30 g | 0,6 |
| Erdnüsse | 1,6 | 30 g | 0,5 |
| Reiskleie | 5,1 | 10 g | 0,5 |
| Spinat | 0,7 bis 1,8 | 150 g | 1,1 bis 2,7 |
| Weißbrot | 0,5 bis 0,8 | 2 Scheiben (80 g) | 0,4 bis 0,6 |
| Apfel | 0,10 bis 0,25 | 1 Stück (150 g) | 0,15 bis 0,4 |
| Reis, gekocht | 0,15 | 150 g | 0,2 |
Quelle: Atiya Ali et al. 2011 (Mittelwerte, bei mehreren Messreihen die Spanne); Weizenkeime: Literaturwert und steirische Charge bei Pekar et al. 2021. Portionen gerundet.
Drei Dinge fallen auf. Erstens tragen Pilze und Hülsenfrüchte weit mehr bei als Obst; Äpfel, die in Pressemeldungen gern genannt werden, liefern praktisch nichts. Beim Käse gilt der hohe Wert nur für den lang gereiften Cheddar der britischen Messreihe: Dieselbe Datenbank führt Gouda als „nicht nachweisbar“, schwedischen und dänischen Hartkäse mit 0,1 bis 0,4 mg pro 100 g und Blauschimmelkäse mit 2 bis 7 mg. Käse ist also keine verlässliche Quelle, solange die Sorte nicht gemessen wurde. Zweitens gehen die Messreihen weit auseinander: Für rohes faschiertes Rindfleisch nennt eine britische Reihe 7,2 mg pro 100 g, eine norwegische 0,3 mg, für getrocknete Sojabohnen reichen die Werte von 3,3 bis 20,7 mg. Die Portionszahlen sind deshalb eine grobe Modellrechnung, keine Nährwertangabe. Der niedrigere Wert für gekochtes Rindfleisch (0,6 mg) stammt aus einer anderen Probe und ist kein gemessener Garverlust. Drittens steckt in Fleisch und Reis vor allem Spermin, das Schwestermolekül, nicht Spermidin.
Die Zubereitung entscheidet mit. Muñoz-Esparza et al. kochten, grillten, mikrowellten und garten dreizehn Lebensmittel sous-vide. Kochen in Wasser und Grillen senkten die Polyamine um bis zu 64 Prozent, am stärksten bei Spinat, Zucchini und Mangold; Mikrowelle und Sous-vide ließen die Werte praktisch unverändert. Blumenkohl, Brokkoli und Hühnerfleisch verloren bei keiner Methode. Pilze verloren beim Kochen rund ein Viertel ihres Spermidins, beim Garen in der Mikrowelle nichts.
Wie viel Spermidin pro Tag
Die ehrliche Antwort: Es gibt keine Zufuhrempfehlung, weder von der EFSA noch von der Deutschen oder Österreichischen Gesellschaft für Ernährung. Was es gibt, sind drei Orientierungsgrößen.
Die Bruneck-Schwelle. Das Drittel mit der niedrigsten Sterblichkeit nahm mehr als 11,6 mg pro Tag aus Lebensmitteln auf, das mittlere Drittel 8,7 bis 11,6 mg. Pekar et al. zitieren für Industrieländer eine durchschnittliche Zufuhr von rund 10 mg pro Tag. Rechnerisch ist der Abstand zwischen den Gruppen klein: Er entspricht etwa 100 g Pilzen oder 150 g Erbsen am Tag. Das ist eine Größenordnung, keine Garantie, weil die Gehalte stark schwanken und die Studie die Zufuhr per Fragebogen geschätzt hat.
Die Studiendosen. 0,9 mg (SmartAge, kein Effekt), 1,2 mg (Wirth, Pilot), 3,3 mg (Pekar, Weckerl), 6 mg (Impfstudie). Keine dieser Dosen ist als wirksam gesichert; die einzige, die über ein Jahr gegen Placebo geprüft wurde, hat beim Gedächtnis nicht gewirkt. Ob höhere Dosen oder andere Endpunkte anders ausgehen, ist offen.
Die EU-Zulassungsgrenze. Nahrungsergänzungsmittel mit spermidinreichem Weizenkeimextrakt dürfen nach der Unionsliste der neuartigen Lebensmittel höchstens 6 mg Spermidin pro Tag liefern. Das ist eine Bedingung der Zulassung dieses einen Extrakts, keine Obergrenze für Spermidin aus der Ernährung und keine Dosierungsempfehlung: Ein Tag mit Pilzen, Hülsenfrüchten und Vollkorn liegt ohne Weiteres darüber.
Eine Modellrechnung mit den Messwerten aus der Tabelle: zwei Scheiben Vollkornbrot (2 mg), 30 g ein Jahr gereifter Cheddar (6 mg), 100 g Pilze (8,9 mg). Das sind rund 17 mg. Die Rechnung hängt an den konkreten Lebensmitteln: Ein anderer Hartkäse kann statt 6 mg nur 0,1 mg liefern, und die Pilzwerte stammen aus einer japanischen Messreihe. Als Größenordnung taugt sie, als persönliche Zufuhrbestimmung nicht.
Kapseln: was drin ist und wann sie überflüssig sind
In der Unionsliste der neuartigen Lebensmittel steht ein einziger Spermidin-Rohstoff: ein spermidinreicher Weizenkeimextrakt, nur für Erwachsene, nicht für Schwangere und Stillende, höchstens 6 mg pro Tag, auf dem Etikett als „spermidinreicher Weizenkeimextrakt“ zu bezeichnen. Entwickelt hat ihn ein Spin-off der Universität Graz (siehe Kasten Österreich). Buchweizenkeimmehl, das in synthetischer Spermidinlösung gekeimt wurde, darf nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (C-141/22) nicht verkauft werden, weil die Zulassung fehlt.
Viele Produkte im Handel sind etwas anderes: gemahlene Weizenkeime in Kapseln, die nicht mehr Spermidin enthalten als die Weizenkeime aus dem Supermarktregal. Die Verbraucherzentrale rechnet vor: Manche Präparate liefern 0,5 mg pro Tagesdosis, die Menge in 2,5 g Cheddar oder 50 g gekochtem Blumenkohl. Manche Anbieter nennen die Spermidinmenge gar nicht. Zugesetzte Vitamine (C, E, Zink) dienen dazu, zugelassene Werbeaussagen auf die Packung zu bekommen; für Spermidin selbst ist kein Health Claim zugelassen, „aktiviert die Autophagie“ ist als Werbung unzulässig.
Was beim Lesen des Etiketts zählt:
- Spermidin in mg pro Tagesdosis, nicht „Weizenkeimextrakt in mg“. Die Menge Extrakt sagt nichts über die Menge Spermidin.
- Die Quelle. Weizenkeimextrakt enthält Gluten, bei Zöliakie ungeeignet. Synthetisches Spermidin-Trihydrochlorid, wie es die 40-mg-Studie verwendete, steht nicht in der Unionsliste.
- Der Preis pro mg. Ein steirischer Hersteller verlangt für 6 mg pro Tag 79,89 Euro je Monatspackung, also 2,66 Euro am Tag (Stand Oktober 2026). Dieselben 6 mg stecken rechnerisch in 30 g ein Jahr gereiftem Cheddar oder 70 g Pilzen.
Wer täglich reichlich Vollkorn, Hülsenfrüchte, Pilze oder Nüsse isst, kann in den Zufuhrbereich kommen, in dem die Beobachtungsstudien ihre Zusammenhänge gefunden haben; ohne Mengen lässt sich das für die einzelne Person nicht sagen. Die kontrollierten Studien gaben Kapseln zusätzlich zur gewohnten Ernährung. Ein Zusatznutzen speziell bei bereits hoher Zufuhr ist nicht belegt. Wer diese Lebensmittel nicht isst, bekommt mit 1 bis 6 mg aus einer Kapsel nicht das, was die Beobachtungsdaten beschreiben: Sie gelten für die Lebensmittel, nicht für den isolierten Stoff.
Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und die Krebsfrage
In den kontrollierten Studien mit 0,9 bis 6 mg über drei bis zwölf Monate waren unerwünschte Ereignisse zwischen Spermidin- und Placebogruppe gleich verteilt. Schwarz et al., Aging 2018, prüften 750 mg Weizenkeimextrakt mit 1,2 mg Spermidin pro Tag, verteilt auf drei Kapseln zu den Mahlzeiten, über drei Monate an 30 älteren Menschen: keine Unterschiede bei Vitalzeichen, Gewicht, Blutchemie und Blutbild; bei Mäusen über 28 Tage keine Tumoren oder Fibrosen. Keohane et al. fanden bei 40 mg reinem Spermidin über 28 Tage ebenfalls nichts. Was fehlt, sind Daten zu hohen Dosen über Jahre.
Die Frage, ob Spermidin krebserregend ist, hat einen biologischen Hintergrund: Polyamine sind für die Zellteilung nötig, Tumorzellen haben einen hohen Polyaminstoffwechsel, und Medikamente, die ihn hemmen, werden in der Krebstherapie erprobt. Die Übersichtsarbeit von Holbert et al., Nature Reviews Cancer 2022, beschreibt, wie Polyamine im Tumorgewebe die Immunabwehr dämpfen können. Fan et al., Pharmacological Research 2020, fassen die Tierdaten so zusammen: Eine höhere Zufuhr scheint die Tumorentstehung zu unterdrücken, aber das Wachstum bereits bestehender Tumoren zu beschleunigen.
Die Kohortendaten beim Menschen zeigen bisher kein erhöhtes Risiko: 87.602 Frauen der Women’s Health Initiative (Vargas et al., AJCN 2015) hatten mit mehr Polyaminen aus der Nahrung nicht mehr, eher weniger Darmkrebs. 54.517 Männer der PLCO-Studie (Frontiers in Nutrition 2026) hatten mit mehr Spermidin weder mehr Prostatakrebs noch eine höhere Prostatakrebs-Sterblichkeit. Die japanische Takayama-Kohorte ist die Ausnahme mit dem grenzwertigen Signal bei Frauen. Alle drei messen Spermidin aus Lebensmitteln im Bereich von 10 bis 20 mg pro Tag, nicht hochdosierte Präparate bei Menschen mit bestehender Krebserkrankung. Für diese Gruppe und für Menschen unter immunsuppressiven Medikamenten gilt der Rat der Verbraucherzentrale: Präparate nur nach ärztlicher Rücksprache.
Wechselwirkungen mit Medikamenten sind nicht systematisch untersucht. Bekannte Ausschlüsse: Schwangerschaft und Stillzeit (Zulassung), Kinder (Zulassung), Zöliakie (Weizenkeim). Bei Histaminintoleranz ist Vorsicht angebracht, weil Weizenkeimextrakte neben Spermidin weitere biogene Amine wie Cadaverin enthalten; die EU hat 2020 eigens den zulässigen Cadaveringehalt des Extrakts neu festgelegt.
Österreich
Graz, Innsbruck, Salzburg, Wiener Neustadt: Kaum ein Longevity-Wirkstoff ist so österreichisch wie Spermidin. Die Autophagie-Arbeiten von 2009 und die Mäusestudie von 2016 stammen aus der Arbeitsgruppe von Frank Madeo am Institut für Molekulare Biowissenschaften der Universität Graz. Die Bruneck-Studie wurde an der Medizinischen Universität Innsbruck ausgewertet (Stefan Kiechl, Johann Willeit, Herbert Tilg) und in der Salzburger SAPHIR-Kohorte bestätigt. Die Pflegeheimstudien kommen von der FH Wiener Neustadt mit Heimen der Gepflegt-Wohnen-Gruppe in der Steiermark; die Weizenkeime dafür lieferte die Schalkmühle in Ilz.
Das Spin-off: Aus der Grazer Forschung entstand TLL The Longevity Labs, das mit Förderung des FFG-Programms COIN (Projekt POLYNEM) ein Verfahren zur Gewinnung von Spermidin aus Weizenkeimen ohne starke Säuren entwickelte und im Februar 2019 das erste Präparat auf den Markt brachte (FFG Success Story). Der ehemalige Finanzminister Hannes Androsch investierte laut Der Standard drei Millionen Euro. Der zugehörige Weizenkeimextrakt ist der einzige in der EU als neuartiges Lebensmittel zugelassene Spermidin-Rohstoff.
Kassenleistung: Nein. Nahrungsergänzungsmittel zahlt keine Krankenkasse, auch nicht auf Rezept. Spermidin im Blut ist kein Routine-Laborwert; die Pflegeheimstudie ließ es eigens analysieren. Einen Mangel kann man nicht messen lassen, nur die Zufuhr schätzen.
Was in Österreich zu haben ist: Weizenkeime führen Supermärkte und Drogerien in Packungen zu 150 bis 250 g; sie gehören nach dem Öffnen in den Kühlschrank, weil das Fett ranzig wird. Pilze, Erbsen, Hülsenfrüchte und Vollkornbrot decken den Rest; bei Käse ist nur der lang gereifte Cheddar gemessen, nicht der heimische Bergkäse.
Häufige Fragen
Ist die Einnahme von Spermidin sinnvoll?
Ein Nutzen für gesunde Menschen ist nicht belegt. Die einzige placebokontrollierte Studie über ein Jahr (100 Teilnehmer, 0,9 mg pro Tag) fand keinen Unterschied beim Gedächtnis; andere Dosen und Endpunkte sind nicht über diesen Zeitraum geprüft. Die Beobachtungsstudien, die ein längeres Leben nahelegen, messen Spermidin aus Lebensmitteln, nicht aus Kapseln. Wer täglich reichlich Vollkorn, Hülsenfrüchte, Pilze und Nüsse isst, kann die Zufuhr der oberen Gruppe der Bruneck-Studie erreichen.
Welche Lebensmittel sind reich an Spermidin?
Weizenkeime (je nach Charge 24 bis 108 mg pro 100 g), ein Jahr gereifter Cheddar (20 mg; andere Käse teils unter 0,5 mg), getrocknete Sojabohnen (3 bis 21 mg je nach Messreihe), Speisepilze (9 mg), Hühnerleber (5 mg), Erbsen (5 mg), Mais (4 mg), Brokkoli (3 mg), Kichererbsen (3 mg), Vollkornbrot (2 mg). Äpfel, Weißbrot und gekochter Reis liegen unter 0,5 mg.
Wie viel Spermidin pro Tag?
Eine Zufuhrempfehlung gibt es nicht. In der Bruneck-Studie hatte das Drittel mit der niedrigsten Sterblichkeit mehr als 11,6 mg pro Tag aus der Nahrung, das unterste Drittel weniger als 8,7 mg. Der einzige in der EU zugelassene Spermidin-Extrakt (aus Weizenkeimen) darf in Nahrungsergänzungsmitteln höchstens 6 mg pro Tag liefern; für Spermidin aus Lebensmitteln gilt keine Grenze. Modellrechnung: 100 g Pilze plus 30 g ein Jahr gereifter Cheddar plus zwei Scheiben Vollkornbrot ergeben rund 17 mg.
Wer sollte Spermidin nicht einnehmen?
Schwangere und Stillende sind von der EU-Zulassung des Weizenkeimextrakts ausgenommen, Kinder ebenfalls. Bei Zöliakie scheiden Weizenkeim-Präparate aus. Wer eine Krebserkrankung hat oder immunsuppressive Medikamente nimmt, sollte hochdosierte Präparate nur nach ärztlicher Rücksprache verwenden, weil Tumorzellen Polyamine zum Wachstum brauchen.
Welche Nebenwirkungen hat Spermidin?
In den kontrollierten Studien mit 0,9 bis 6 mg pro Tag über bis zu zwölf Monate waren unerwünschte Ereignisse zwischen Spermidin- und Placebogruppe gleich verteilt. Eine Kurzzeitstudie mit 40 mg reinem Spermidin über 28 Tage fand keine Veränderungen bei Blutbild, Leber- und Nierenwerten. Langzeitdaten zu hohen Dosen gibt es nicht.
Ist Spermidin krebserregend?
Als krebserregend eingestuft ist Spermidin nicht. Zwei große Kohorten (87.602 Frauen, 54.517 Männer) fanden keinen Zusammenhang zwischen Spermidinzufuhr aus Lebensmitteln und Darm- oder Prostatakrebs. Die japanische Takayama-Studie (29.079 Personen) fand bei Frauen einen Trend zu höherer Krebssterblichkeit mit steigender Zufuhr (p = 0,02), der Einzelvergleich der Extremgruppen war knapp nicht signifikant. Das belegt keine Ursache, bleibt aber ein offener Befund. Dazu kommt, dass hohe Dosen nach Tierdaten das Wachstum bereits bestehender Tumoren beschleunigen könnten. Daher die Vorsicht bei Krebspatienten.
Enthält Weizenkleie Spermidin?
Deutlich weniger als Weizenkeime. In der steirischen Demenzstudie wurde eine Kleie mit 115 mg pro kg gemessen, der Weizenkeim derselben Studie kam auf 1.075 mg pro kg. Kleie ist die Schale des Korns, der Keim der Keimling; der Keim trägt die Polyamine für das Wachstum.
Wann sollte man Spermidin einnehmen?
Die Tageszeit ist in keiner Studie untersucht. In der Sicherheitsstudie von 2018 wurden drei Kapseln auf Frühstück, Mittag- und Abendessen verteilt, in der SmartAge-Studie wurde die Tagesdosis zu einer Mahlzeit genommen. Da Spermidin über Lebensmittel ohnehin über den Tag verteilt aufgenommen wird, gibt es keinen Grund für einen bestimmten Zeitpunkt.
Ist Spermidin in Sperma enthalten?
Ja, daher der Name. Spermidin wurde zuerst aus Samenflüssigkeit isoliert. Die Menge in der Nahrung ist um ein Vielfaches höher, und auch der Körper stellt Spermidin in jeder Zelle selbst her.
Dazu passt
- Was ist Longevity?
Bedeutung und Aussprache, Lebens- und Gesundheitsspanne in Österreich, die zwölf Hallmarks of Aging, Gene, und die Hebel mit den größten Effekten.
- Kreatin: Wirkung, Dosierung und Nebenwirkungen
3 bis 5 g am Tag, Studien ab 55 in Verbindung mit Krafttraining, Gedächtnis, Knochen, Niere, Haarausfall und die zwei zugelassenen Health Claims.
- Vitamin D: Werte, Dosierung und was die Studien zeigen
Blutwerte in nmol/l und ng/ml, Winter in Österreich, 800 IE Referenzwert, 4.000 IE Obergrenze, vier große Studien, K2 und ein Rechner für die Auffüllmenge.
- Ernährung
Intervallfasten, mediterrane Ernährung, Koffein, Glukose, Darmflora.
- Diagnostik
Blutwerte, Gesundenuntersuchung, HbA1c, Lipoprotein(a), CRP, Ferritin, biologisches Alter.